Die Familie v. Unruh

Die Familie v. Unruh ist ein sehr altes und angesehenes, weit verzweigtes Adelsgeschlecht und gehört zu den alten Adelsfamilien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Nach legendären Überlieferungen soll die Familie ursprünglich aus dem Elsaß stammen, sich dann von hier über Bayern und Böhmen in die Lausitz, nach Schlesien und Polen ausgebreitet haben.

Die älteste Erwähnung des Zunamens „Unruh“ stammt aus dem Jahre 1240. In der Urkunde wird ein „Conrad dictus Unru“ oder „Conradus agnomine Unru“ genannt. Eine nähere Zuordnung ist nicht möglich.

Nur anhand mittelalterlicher Urkunden familiäre Zusammenhänge zu erfassen, ist überaus schwierig, und andere Quellen stehen nicht zur Verfügung.

Die adeligen Namen entwickelten sich im Verlauf des 13. Jahrhunderts zumeist als Zunamen einer Familie, die nach ihrem Wohnsitz näher benannt wurde. Bei der Familie v. Unruh ist dies jedoch nicht der Fall, denn es gibt keinen Ort dieses Namens, vielmehr scheint der Zuname eine charakteristische Bezeichnung eines besonders regen Mannes gewesen zu sein, dessen Zuname sich auf die Nachkommen übertrug.

Die Familie entwickelte verschiedene Zweige: in der Neumark, Schlesien, Königreich Polen und dem späteren Ostpreußen, wobei ein Nachweis einer gemeinsamen Herkunft anhand des vorliegenden Quellenmaterials nicht möglich ist. Das Auffinden eines gemeinsamen Urahnen ist den Genealogen nicht gelungen. Sicher ist nur, daß die älteste bekannte Region, in der die Unruh lebten, Thüringen war. Um 1275 wird hier mehrfach ein „ Bruno Inquies “ urkundlich als Zeuge einer vorliegenden Beurkundung erwähnt.

Im Böhmen kommt die Familie schon zum Ende des 12. Jahrhunderts vor. In die Lausitz kam zuerst (um 1304) Johann Unruh, welcher Kanzler in Böhmen gewesen war und Sigmund Johann v. Unruh, der 1339 als Kanzler der Herrschaft Sorau (heute Żary) bekannt war.

Über Böhmen nach Schlesien und weiter nach Polen scheinen sie sich verbreitet zu haben. Im Jahr 1300 wird in Schlesien ein „Jan Unru“ genannt.

In Schlesien wird 1300 „Jan Vnru“ genannt, der möglicherweise identisch mit dem Erbauer der Kirche in Lawaldau Waltenberg (heute Racula bei Zielona Góra) in 1315 ist. Dieser gilt als Stammvater der später in Polen ansäßig gewordenen Familie. Die Angaben darüber enthält das Genealogische Handbuch der adligen Häuser („Gotha“) A Bd XIV (1977) S.451 ff. Eine Stammreihe findet sich im Gothaschen Adligen Taschenbuch A (1912).

Der Überlieferung nach soll ein Johann Unruh 1304 Kanzler in Böhmen gewesen sein.

Der gleiche Johann Unruh hat die Kirche in Lawaldau bei Grünberg (heute Racula bei Zielona Góra) erbauen lassen.

In Schlesien tritt zuerst im 14. Jahrhundert Hans v. Unruh im Herzogtum Glogau auf.

 

Seit 1430 sind v. Unruh auch in der Neumark nachweisbar. Vermutlich kamen sie im Gefolge der Hohenzollern hierher. Der Neumärker Ast der Familie, mit Grundbesitz im Kreis Bomst, starb Ende des 19. Jahrhunderts aus.

Auch in Polen selbst erscheinen einzelne Mitglieder der v. Unruh sehr früh, so ein Dechant Piotr Unrug um 1385. Die Schreibweise des Familiennamens variiert im Mittelalter zwischen Unrw, Unrugh, Unruwe, Unruch, Unroh bis hin zu den heute noch verbreiteten Schreibweisen Unruh und Unrug.

In Mittel- und Westeuropa entwickelten sich neben den Familiennamen auch die Tradition des Tragens eines Wappens.

Ursprünglich dienten die Wappen als individuelle Schilde der Ritterschaft, um sich bei (Wett-) kämpfen deutlich erkennbar zu machen. Das älteste Wappensiegel der Familie von Unruh stammt aus dem Jahre 1357. Hanus von Unruge von Topphersdorf führt auf der Huldigungsurkunde für die Herzogin von Sagan einen springenden Löwen als Wappentier. Das heutige Wappen ist dem noch ähnlich: ein aufrecht stehender, roter Löwe im goldenen Schild.

Aus dem schlesischen Zweig der Familie Unruh heraus entstand der polnische.

Im Jahre 1597 erwarb der genannte Christoph von Unruh (gestorben 1622 auf Lawaldau poln. Racula) von dem polnischen Grafen Jan Ostroróg (1565 – 1625), der nach seinem lutherisch gewordenen Vater Stanisław Ostroróg (1520 – 1568) wieder zum Katholizismus konvertierte, Herrschaft Birnbaum (Międzychód).

Seine Frau Anna von Promnitz soll ihm „eine Tonne Gold“ als Mitgift in die Ehe gebracht haben. Der Aufpreis für den Erwerb der Herrschaft in Großpolen betrug 40 000 polnische Gulden.

Christoph von Unruh wird möglicherweise aus Sorge vor einer von den Habsburgern betriebenen Gegenreformation in Schlesien nach Polen ausgewichen sein, wo damals eine weitgehende religiöse Toleranz herrschte. Jedoch hatte die evangelische Gemeinde Birnbaum (Międzychód) wohl nach der Konversion von Jan Ostroróg zum Katholizismus damals um ihren Bestand zu fürchten.

Das änderte sich dagegen nach 1597, zumal sich der neue Grundherr der Entwicklung der kirchlichen Gemeinde nachdrücklich widmete. Dazu gehörte auch eine Ansiedlung von Handwerkern, unter denen die Tuchmacher damals und später eine bedeutende Rolle spielten.

In den zur Herrschaft gehörenden Dörfern wurden „nach holländischem Recht“ Bauern angesiedelt, wonach sie als „freies Volk“ mit gemeindlicher Selbstverwaltung gelten konnten.

Diese Bezeichnung „nach holländischem Recht“ stammt von der Ansiedlung in Niederungsgebieten von Flüssen, die die Holländer, mit besonderem Recht ausgestattet, zu kultivieren verstanden. Später wurde die Bezeichnung auch auf Siedlungen außerhalb von Flußgebieten ausgedehnt.

Der Adel in Polen war anders strukturiert als in den westlichen Ländern. Hier zählten nur die Blutsverwandtschaft und die Zugehörigkeit zu einer Wappenfamilie (zu einem

 

„herb“ = Wappen). Es gab etwa 800 solche Wappenfamilien. Die einzelnen Zweige wurden jedoch nach ihren Stammsitzen benannt, während im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (damit ist das spätere Deutsche Reich gemeint) der Urname mit dem Zusatz „von“ das deutlich sichtbare Adelsprädikat ausmachte. Für fremde Adelige gab es in Polen zumeist nur die Möglichkeit, wenn man sich hier ansässig machen wollte, einer Wappenfamilie beizutreten oder aber auf eine königliche Ausnahmeerlaubnis, das Indigenat, die Einbürgerung, zu hoffen. Dies wurde nur drei Familien in Großpolen bewilligt: den v. Unruh (Kreis Birnbaum, Meseritz und Bomst), v. Kalckreuth (Kreis Birnbaum und Meseritz) und v. Schlichting (Kreis Fraustadt).

In Polen – so sagt Zedlers Universallexikon von 1720, S. 1949 – schreiben sich  „ die von Unruh lieber Unrug“ und haben daselbst das Indigenat. Die Verleihung dieses „Einwohner­rechts“ mit der Aufnahme in den polnischen Adel, die Schlachta, erfolgte offenbar durch einen Erlaß König Sigismund III. (1566 – 1632, König 1587), wovon eine handschriftliche 1736 von Christoph Sigismund von Unruh begonnene Chronik berichtet. Dieser König habe die Familie „begnadigt (begnadet), einen gekrönten Löwen zum Unterschied der ausländischen Wappen zu führen“. Auch setzen sie, erwähnt die genannte Chronik „ein g statt des h am Ende des Namens wegen der polnischen Sprache“.

Mit dem Indigenat, dem Bürgerrecht für Adelige, war das Recht verbunden, an der Wahl der polnischen Könige teilzunehmen. Die in Polen lebenden Adelsfamilien benötigten so etwas nicht, denn sie waren durch ihre polnische Herkunft berechtigt, an der Königswahl teilzunehmen. Der Grund für die Notwendigkeit der ausdrücklichen Verleihung liegt in der fremden Herkunft und in der Konfessionszugehörigkeit. Sowohl die v. Schlichtings (aus Schlichtingsheim/ Szlichtingowa) als auch die v. Unruhs (wahrscheinlich auch die v. Dönhoff, v. Goltz und v. Prittwitz) waren und blieben protestantisch.

Da König Zygmunt III. Waza 1632 starb, mußte die erwähnte Urkunde von diesem Jahr ausgestellt worden sein. In Melpin (poln. Mełpin bei Dolsk), einem Unrugschen Besitz, im Kreis Schrimm (Śrem) wurde bis 1939 dieses Dokument in hohen Ehren gehalten, bis es dann im Kriege verloren ging.

Außer dieser „Wappenverbesserung“ des Königs erübrigte sich eine weitere hoheitliche Maßnahme, da die vom König angeordnete Wappenänderung inhaltlich eine Indigenats­verleihung darstellte.

Dieses umfaßte alle einem polnischen Adligen zustehenden Rechte, vor allem die Teilnahme an den Landtagen wie auch die Wahrnehmung von öffentlichen Ämtern als Starosten, Richter oder Woyewoden. Und nicht zuletzt im Kriegsdienst für den polnischen König.

Damit standen den Söhnen des ersten polnischen Grundherrn Christoph von Unruh auch polnische Ämter offen.

Zur Herrschaft Birnbaum (Międzychód) gehörten 1597 noch 15 Dörfer.

Durch die starke Zuwanderung protestantischer Siedler entstanden damals neue deutsche Dörfer wie Eulenberg (Sowia Góra, Kreis Birnbaum), Großdorf (Wielowieś,

 

Kreis Birnbaum), Kapline (Kaplin, Kreis Birnbaum), Lindenstadt (poln. Lipowiec, Kreis Birnbaum), Merine (Mierzyn, Kreis Birnbaum), Mokritz (Mokrzec, Kreis Birnbaum), Muchocin (Muchocin, Kreis Birnbaum), Radegosch (Radgoszcz, Kreis Birnbaum) und Striche (Strychy, Kreis Schwerin/ W.).

Nach dem Tod Christophs v. Unruh im Jahre 1622 teilten seine Söhne Georg und Balthasar den großen herrschaftlichen Besitz. Georg (1580 – 1652) erhielt Birnbaum (Międzychód) und Balthasar (1582 – 1632) übernahm Schweinert (Świniary, Kreis Schwerin a.W.).

Georg trat wohl bereits in polnische Kriegsdienste, denn er wird in Urkunden Oberstleutnant genannt. Er war Starost von Deutsch Krone (Wałcz) und Oberburgrichter in Posen (Poznań). Auch seine wirtschaftliche Macht konnte er ausbauen.

Viele seiner Nachkommen taten es ihm später gleich, waren aber auch in sächsischen oder preußischen Diensten, wie der General Karl-Philipp v. Unruh (1731 – 1805), dessen Tochter Modeste 1803 mit dem Grafen zur Lippe-Biesterfeld verheiratet, eine Vorfahrerin der niederländischen Königin wurde (Archiv für Sippenforschung, 1961. S.115 ff.).

Der 2. Birnbaumer Erbherr Georg v. Unruh erwarb im Jahr 1641 von der Familie von Zychlinski (Żychliński) die Herrschaft K a r g e mit drei weiteren Dörfern.

Besondere Bedeutung erlangte die Familie mit dem 3. Birnbaumer Erbherrn, dem Sohn von Georg, Christoph dem Jüngeren (14.Mai 1624 – 29.1.1689). Als junger Mann hatte er gründliche Studien betrieben, auch die niederländische Universität Leyden besucht und dann den polnischen Botschafter an den Versailler Hof begleitet. Später nahm er an den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück (Westfälischer Frieden, der den 30 jährigen Krieg - 1618 – 1648 beendete) teil.

Nach Hause zurückgekehrt, wurde er zum Kammerherrn der polnischen Königin Ludovica Maria Gonzaga von Nevers-Mantua (1611 – 1667), der italienischen Ehefrau von König Johann Kasimir (1609 – 1672, König 1648 – 1668), ernannt.

Im Jahr 1655 brach der sogenannte kleine Nordische Krieg (1655 – 1660, Schwedenkönig Karl X. Gustaf im Bunde mit dem Großen Kurfürsten von Brandenburg gegen Polen und Dänemark) über Polen herein, der den Zusammenbruch der königlichen polnischen Macht zur Folge hatte.

1656 brach zudem die Pest auch im Raum Birnbaum aus, der fast jeder zweite Einwohner zum Opfer fiel.

Die Familie v. Unruh flüchtete vor der Pest und dem Kriegsgeschehen nach Driesen (Drezdenko). 1657 wendete sich das Kriegsgeschick für die Polen und der polnische Großhetman (pl. Hetman Wielki, Oberster Heerführer im Königreich Polen) Stefan Czarniecki (1599 – 1665) unternahm von Birnbaum aus Einfälle in die Neumark und nach Pommern.

Am 7. Juni 1658 kam auch König Johann Kasimir mit seiner Gemahlin durch die Stadt Birnbaum.

Der inzwischen nach Birnbaum wieder zurückgekehrte Christoph v. Unruh hatte ein Infanterie- Regiment aufgestellt und erhielt von König Johann Kasimir 1659 das Patent eines polnischen Oberst.

So wird berichtet, daß Christoph v. Unruh in den Reihen des polnischen obersten Heerführers Stefan Czarniecki gegen aufständische Kosaken, Tataren, Russen und Schweden kämpfte, u.a. nahm er an der mörderischen Schlacht bei Sbarash in der Ukraine (östlich von Lemberg) teil. Bereits 1651 half er durch persönlichen Einsatz in der blutigen Schlacht bei Berestecki bei Lemberg den Kosakenhetmann Bohdan Chmielinski zu bezwingen. Später demütigte er mit seiner Heeresabteilung in mehreren Schlachten den kriegsgeübten Schwedenkönig Karl X. Gustaf und besiegte ihn zusammen mit Czarniecki bei Plonka 1660. Wie berichtet wird, wurden 10 Kanonen, 146 Fahnen erbeutet und 15.000 Mann geschlagen.

In der Folgezeit war Christoph v. Unruh Landrichter (pl. Sędzia) in Posen (Poznań) und Starost von Gnesen (Gniezno) und Deutsch Krone (Wałcz).

Im Jahre 1649 hatte er Marie Anna Leliwa-Broniewska geheiratet, die aus einem hochangesehenen polnischen Adelsgeschlecht stammte; ihr Vater hatte in Heidelberg studiert und ihre Mutter, Anna Gräfin Latalska, gehörte einer damals politisch außerordentlich einflußreichen Familie in Polen an.

Ein Sargportrait von Anna Leliwa-Broniewska wie das ihres Mannes befinden sich heute im Museum in Poznań.

Es gelang ihm, seinen Besitz um die 4 Städte Birnbaum (Międzychód), Tirschtiegel (Trzciel), Punitz (Poniec) und Unruhstadt (Kargowa) und 42 Dörfer zu vergrößern. Dazu gehörte auch die von ihm neu gegründete Stadt Unruhstadt (Unrugowa, heute Kargowa), damals in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karge gelegen.

Ein exaktes Gründungsdatum dieser für Glaubensflüchtlinge gegründeten Stadt ist nicht bekannt. Offenbar hat Christoph v. Unruh noch während der Friedensverhandlungen in Münster (1648, Westfälischer Friede) Kontakte zu bedrängten deutschen Glaubensgenossen aufge­nommen und ihnen um 1650 die Ansiedlung bei Karge gestattet.

Geschichtlich-topographisch muß man grundsätzlich die beiden Begriffe Unruhstadt und Karge auseinander halten, obwohl nicht selten beide Begriffe ineinander übergehen. Mit Unruhstadt ist immer die Stadt gemeint, die westlich unmittelbar an das herrschaftliche Gut Karge angrenzt. In Karge haben die v. Unruh gelebt, wo auch das Palais steht. Erst nach 1945 sind Unruhstadt und Karge durch die polnische Verwaltung zu dem einen Ort Kargowa vereint worden.

Die ältesten Nachweise, die Bürger in „Unruhstadt“ nennen, befinden sich in dem Gewerkbuch der Tuchmacher in Karge aus dem Jahre 1653.

Bereits im Jahre 1630 bestand im Dorf Karge das Privileg, jeweils 1 Wochenmarkt und 6 Jahrmärkte im Jahr abzuhalten, woraus hervorgeht, daß davor diese Stadt noch nicht bestanden hat.

Wie man in früheren Chroniken lesen kann, hat der Gutsbesitzer v. Unruh auf Karge, ebenso wie v. Bojanowski auf Bojanowo und v. Grzymułtowski auf Rakwitz als Folge

 

des 30-jährigen Krieges begonnen, durch Heranziehung protestantischer Ausländer, Schlesier und Brandenburger die zu bildenden Städte Unruhstadt, Bojanowo und Rakwitz zu besiedeln. Ähnliches gilt auch für Hieronim Radomicki, Starost von Fraustadt (Wschowa) und Krzysztof Żegocki, Starost von Bomst (Babimost), die in ihren bestehenden Städten „Neustädte“ als rechtlich eigenständige Vorstädte gründeten.

Das letztere erhält auch umso mehr Wahrscheinlichkeit, als die Grenzen von Karge nach Schlesien (als Teil der böhmischen Krone Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches mit den Habsburgern als Staatsoberhaupt) nur 4 km und zum Kurfürstentum Brandenburg (Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen – kurz Deutsches Reich genannt) nur 2 km entfernt lagen.

Am 29.9.1655 erließ Christoph v. Unruh für die neu gegründete Stadt Unruhstadt eine 18 Punkte umfassende Stadtverordnung, eine gemeindliche Verfassung, welche die kommunale Selbstverwaltung, die Behördenorganisation sowie Bürgerrechte und Bürgerpflichten regelte.

Angesichts des mit Schweden ausgebrochenen Krieges erfolgte die Bestätigung der Gründung durch den polnischen König Johann Kasimir bis zum 8. Juni 1661.

Der Text der Gründungsurkunde ist in einem der folgenden Kapitel enthalten.

Eine kurze Zusammenfassung der Gründung der Stadt lautet:

Christoph v. Unruh, Kammerherr der Königin, königlicher Oberst, bekommt von dem polnischen König nach dem „Frieden von Oliva“ für seine Verdienste in den Kriegen gegen die Tataren, Kosaken und Moskowiter (= Russen), sowie besonders in dem Krieg gegen die Schweden, bei der Befreiung der großpolnischen und preußischen Burgen, das Dokument zur Gründung der Stadt UNRUHGOWO auf seinem erblichen Dorf Karge im Kreis Kosten (pow. Kościan) gelegen nach deutschem Recht fortzubauen.

Am 29. Januar 1689 starb Christoph v. Unruh in Lissa (Leszno) und wurde zur letzten Ruhe nach Birnbaum überführt. Sein Epitaph steht bis heute in der Vorhalle der katholischen, ehemals protestantishen Stadtkirche.

Die Umschrift auf dem Grabstein lautet:

 „Illustris et magnificus dominus Christophorus de Międzychód Unrug capitaneus Valcensis et Gnesniensis sua regiae majestatis colonellus etc., placidente Domini obdormivit anno MDCLXXXIX die XXIX Januarii aetatis anni LXIIII mensis IIX et I diei, cuius ossa requiescant in pace.“

Vor dem Schloßportal in Birnbaum stand zum Ende des 19. Jahrhunderts ein in Stein gehauenes Relief mit Text darunter:

 „CHRISTOPHORUS UNRUG, Starosta von Gnesen, Oberst eines Infanterieregiments des polnischen Königs, Capturlandrichter von Posen, Erbherr von Birnbaum, Punitz, Unruhstadt, Tirschtiegel, Karge, Neutomischel; Kargowa 1677, er hat dieses Haus erbaut ...“

Dieses Relief befindet sich heute im Museum in Poznań.

Sein ältester Sohn Johann Christoph v. Unruh, der 1683 als Rittmeister und Bannerträger des polnischen Königs Jan III. Sobieski gegen die Türken vor Wien gekämpft hatte, war bei einer weiteren Schlacht im Jahre 1687 als Rittmeister der polnischen Krone gefallen.

Sein Sargportrait befand sich bis 1945 in der Sakristei der evangelischen Kirche in Birnbaum. Lediglich eine vor dem 1. Weltkrieg angefertigte Kopie, die sich in Klein Münche (Mnichy Małe) befand, ist erhalten, ebenso nur ein Foto, zwischen den beiden Weltkriegen angefertigt wurde. Es weist einiges darauf hin, daß sich dieses Sargportrait heute in Privatbesitz befindet.

Somit übernahm Boguslaw v. Unruh (1661 – 1725) die Erbherrschaft Birnbaum. Er war Starost zu Gnesen, 1704 und 1705 königlich polnischer Gesandter am königlich (ost-) preußischen Hofe. Eine Berufung in den Senat, verbunden mit der Leitung einer Wojewodschaft, lehnte er ab, weil er dafür zum Katholizismus hätte konvertieren müssen. Boguslaus war mit Anna Konstancja v. Żychlińska (deutsche Schreibweise: Zychlinski) verheiratet, deren Großmutter, eine Gräfin Dönhoff, eine geborene Prinzessin von Liegnitz-Brieg und eine Hohenzollerntochter war.

Boguslaw (1661 – 1725) und seine Brüder teilten die Herrschaft Birnbaum auf:

Georg v. Unruh (1652 – 1710) erhielt die Herrschaft Schocken (Skoki) im Kreis Wongrowitz (Wągrowiec). Er war Starost von Deutsch Krone (Wałcz), Landrichter (Sędzia) von Fraustadt (Wschowa) und Deputierter des Krontribunals in Petrikau (Piotrków Trybunalski).

Als vierter Erbberechtigter erhielt Sigismund v. Unruh (1676 – 1732) die Herrschaft Punitz (Poniec, Kreis Gostyn). Auch er hatte hohe polnische Ämter inne. Er war Starost von Gnesen (Gniezno) und ebenso wie seine Brüder von Deutsch Krone (Wałcz).

Nach dem Tode des Gründers von Unruhstadt, Christoph v. Unruh am 29. Januar 1689, wurde sein am 13. Oktober 1683 in Birnbaum geborener Sohn Karl v. Unruh (13.10.1683 – 27.8.1736) Erbherr von Unruhstadt, Karge, Chwalim, Pozorowo, Libowe, Stanisławowo und Lageweit und weiterer umliegender Güter – vorerst unter Vormundschaft. 1712 wurde er Starost von Deutsch Krone (Wałcz) und ebenso Kämmerer von Fraustadt (Wschowa).

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, daß Karls Sohn Alexander v. Unruh (9.8.1726 – 1806 Karge) Generalmünzdirektor Polens, Vizepräsident des Kriegsrates sowie Starost von Chodziesen (seit 1886 Kolmar in Posen, pl. Chodzież) und Hammerstein (Czarne bei Człuchów, Kreis Schlochau) war.

Die protestantische Familie v. Unruh war stets in Glaubensfragen tolerant gewesen, beharrte aber selber auf ihrer Konfessionszugehörigkeit. Stets setzten sie sich für ihre Glaubensbrüder ein und gewährten ihnen die Niederlassung auf ihrem Besitz. Obwohl sie erst zur Zeit der Gegenreformation nach Polen gekommen waren, spielte die Religion bei ihrer Weiterentwicklung keine große Rolle, denn der polnische Adel war in vielerlei Konfessionen gegliedert und genoß religiöse Freizügigkeit. Dies änderte sich in Folge des national-religiös geprägten Kleinen Nordischen Krieges (1655 – 1660) immer mehr und richtete sich auch gegen den Adel. Vorsorglich hatte Georg v.

 

Unruh eine Abmachung mit dem katholischen Pfarrer getroffen, wonach die beiden Konfessionen in seiner Ortschaft friedlich miteinander zu leben verpflichtet wurden. Dies war in jenen Zeiten eher die Ausnahme.

Bedeutsam für die gesamte evangelische Kirche in Polen war eine am 30. September 1677 in Birnbaum abgehaltene Synode großpolnischer lutherischer Pastoren und Patrone, auf der wichtige Beschlüsse gefaßt wurden.

Eine Generation später geriet selbst die angesehene Familie v. Unruh unter den immensen Druck des Glaubensfanatismus. Sigismund v. Unruh, Erbherr von Punitz (Poniec), wurde 1716 von mißgünstigen Gegnern wegen „den Gedanken der Aufklärung entstammenden philosophischen Notizen“ gegen die Jesuiten in seinem Taschenbuch, das ihm aus seinem Schreibtisch in der Starostei gestohlen worden war, vor dem Tribunal in Petrikau (Piotrków Trybunalski) der Gotteslästerung bezichtigt und zu einer qualvollen Strafe, nämlich dem Abschlagen der rechten Hand, dem Herausreißen der Zunge und Verbrennen der Schrift samt der abgehauenen Hand, verurteilt. Gleichzeitig sollten seine Güter beschlagnahmt werden.

Die Familie v. Unruh erhob daraufhin Einspruch und mußte einen kostspieligen Prozeß führen. Da die oberste Instanz in Polen, das Petrikauer Tribunal, parteiisch war, floh Sigismund außer Landes, so daß das Urteil nicht vollstreckt werden konnte. Die Familie wandte sich daraufhin an den Papst. Es bedurfte erst eines Rechtsgutachtens der damals berühmtesten Rechtsfakultät, der Sorbonne zu Paris, die das Urteil als Fall fanatischen Irrwahns und damit als rechtswidrig bezeichnete und aufhob. Nun intervenierte auch der Papst und hob das Urteil auf. Damit war Sigismund nicht mehr mit dem Tode bedroht und konnte auch seine Güter behalten, das Vermögen der Familie war aber durch die Kosten des langen Rechtsstreits in Höhe von 645.000 Gulden aufgebraucht.

Nach Boguslaus v. Unruhs Tod im Jahre 1725 übernahm sein ältester Sohn Christoph v. Unruh (1689 – 1763) die Erbherrschaft Birnbaum. Als Anhänger der aus dem sächsischen Hause Wettin stammenden polnischen Könige gewann er beim polnischen Hof hohes Ansehen und verweilte zumeist in der Nähe des Herrschers, der ihn 1742 in den deutschen Reichsgrafenstand erhob. Der 5. Erbherr von Birnbaum, Christoph v. Unruh, starb 1763 kinderlos.

Er vererbte seine inzwischen verschuldete Herrschaft Birnbaum seinem Bruder Peter v. Unruh und dessen Sohn Boguslaus v. Unruh (1742 – 1779). Nach dem frühen Tod von Peter v. Unruh geriet die Familie in Streit um das Erbe, so daß die hoch verschuldete Herrschaft Birnbaum 1790 an die protestantische Familie Mielęcki (polnischer Zweig der Familie v. Aulock, benannt nach dem polnischen Stammsitz Mielęcin, Kreis Kempen), den zweiten Mann der Witwe Peter v. Unruh, verkauft wurde. Lediglich das Gut Klein Münche (Mnichy Małe) blieb bis 1945 in Unruh’schem Besitz.

Auch die Herrschaft Karge geriet zwischen die Mühlen von Konfession und Politik. Nach dem Tode des Gründers von Unruhstadt, Christoph v. Unruh am 29. Januar 1689, wurde sein am 13. Oktober 1683 in Birnbaum geborener Sohn Karl v. Unruh (1683 – 1736) Erbherr von Unruhstadt und der umliegenden Güter, vorerst unter Vormundschaft gestellt

Karl v. Unruh lebte als erster Unruh nur im Karger Schloß. In erster Ehe heiratete er Anna Christina von Schlichting-Bukowiec, deren Vater der Gründer der Stadt Schlichtingsheim (Szlichtyngowa) im Kreise Fraustadt (Wschowa) war. Aus dieser Ehe ging nur ein Sohn hervor, der früh verstarb.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Karl v. Unruh, seit 1715 Truchseß (pl. Stolnik, nur mehr ein alter Ehrentitel) von Fraustadt, im Jahr 1720 Johanna Marianne, Freiin v. Kottwitz aus Kontopp (Konotop) im benachbarten Schlesien, mit der er elf Kinder zeugte.

Kontopp gehörte damals zu Österreich-Ungarn. Diese enge verwandtschaftliche Ver-bindung zwischen diesen beiden Orten bestand auch innerhalb der Bevölkerung. Die evangelischen Einwohner von Kolzig (Kolsko) und Kontopp (Konotop), die deutsch sprachen, besuchten seit 1654 die Kirche in Karge, obwohl die Predigt hier oftmals in einem polnisch-wendisch-deutschen Dialekt gehalten wurde, was die Ver-mutung nahe legt, daß sie die Sprache verstanden.

Durch die Gegenreformation im habsburgischen Schlesien (Österreich-Ungarn) hatten sie 1654 ihr Bethaus an die katholische Kirche zurückgeben müssen, obwohl es in der gesamten Region kaum mehr Katholiken gab. Auch hier fanden sie durch den kleinen Grenzverkehr getreu der guten polnischen Toleranzpolitik religiöse Zuflucht bei den Unruhs.

Auch Karl v. Unruh war Vertreter der sächsischen Partei im polnischen Adel und König August II. der Starke (1670 – 1733, seit 1694 als Friedrich August I. Kurfürst von Sachsen, dann König von Polen von 1697 – 1706 und seit 1709), war mehrfach in Karge zu Gast.

Nach dessen Tod im Jahre 1733 setzte sich Karl dementsprechend für dessen Sohn, August III. (1696 – 1763, ebenfalls – als Friedrich August II. – Kurfürst von Sachsen und ab 1733 König von Polen) als Nachfolger ein und zog sich somit den Haß der Gegenpartei in der Szlachta (pl. Adel) zu, die sich für den im französischen Exil lebenden Stanisław I. Leszczyński (1677 – 1766, König von Polen von 1707 – 1709) einsetzte.

Folge der Erbfolgestreitigkeiten um den polnischen Thron griff am 5.3.1735 der Woiewode von Lublin, Adam Tarło, mit 12.000 Mann Karge an, wo sich 250 Mann unter dem sächsischen Major v. Watzdorff anfangs erfolgreich verteidigten. Nach zweitägiger Belagerung ließ der Woiewode das Schloß Karge niederbrennen, Unruh-stadt wurde 14 Tage lang geplündert. Die Bevölkerung floh nach Schmöllen (Smolno Wielki) in Brandenburg, einem weiteren Besitz der v. Unruhs – aus dem neumär-kischen Zweig. Als unter dem Herzog von Weißenfels Entsatz anrückte, zog sich der Woiewode Tarło fluchtartig zurück. Karl v. Unruh verstarb kurz darauf – aus Gram, wie es hieß. Das Kirchenbuch erläutert dazu:

   „Anno 1733 den 22 December Ein Sohn gebohren Wilhelm. So 1734 den 20 May gestorben; 1735: Wie die Pohlen Karge ruinieret; Haben Sie das todte Kind auf-ge-zogen, daß Genick Verddrehet, Und in der Gruft alle Todten Beine, Unter ein Ander gemenget ... Und nach dem Ruin der Pohlen, Hat Ihn Ihro Majestät der König von Pohlen, Anno 1735 den 22 Augusti zum Geheimbten Rat Ernennet; hingegen Aber

 

Vor den Schaden nichts guth gethan; welcher Schaden auf 130 000 Rhth ist nach gewißen geschätzet worden ...“

In der Kirche zu Unruhstadt wurde über der Patronatsloge sein Bild mit folgendem Text angebracht:

    „Ihre Excellenze, der hochwohlgebohrne Herr Carl von Unruh, Sr. Königl. Maje-staet in Pohlen, und Churfl. Durchl: zu Sachsen Aug. III. geheimbder Rath, u. Stolnick Wschowski, Erbherr derer Güther Unruhstadt, Karge, Chwalim, Pozorowo, Libowe, Stanislawowo und Lageweik usw. kam auff die Welt in Birnbaum Ao: 1683, d. 13 Octobr. Wandelte in der Welt gegen seinen Gott fromm u. den Mächten redl. Verehelichte sich zum Erstenmale 1706, mit Fräulein Anna Christina von Schlichting a. d. Hause Schlichtingsheim, zeugete mit ihr einen Sohn Samuel Boguslaus Welcher Seinem seel. Papa im Tode vorausgegangen. Das andertemal vermählete er sich 1720 mit Fräulein Johanna Marianne Freyin von Kottwitz a. d. Hause Kontop. Zeugete mit ihr 11 Kinder. Bey seinem Absterben hinterließ er noch 6 am Leben. Als Alexander, Carl, Friederica, Augustus, Henriette und Adolphus Ihrem seel. Papa sind in 4 Wochen aber nachgefolgt Henriette und Adolphus. Die übrigen 4 befinden sich noch in dieser Sterblichkeit, So lange als Gott will. Nahm Abschied von dieser Welt allhier in Karge Anno 1736. d. 27. August: hor: 12 antemeridie. Bei guttem Verstande sanfft und seelig. Der Herr von Unruh war Erbherr von Unruhstadt Und der in Unruh auch den Lauff beschlossen hat.“

Nach seinem Tod stritt seine Witwe mit ihren Nachbarn v. Schenkendorf auf Schmöllen (Smolno Wielkie) wegen streitig gemachter, vergrabener Kanonen, die 1730 der polnische König August der Starke, mehr als Schmuckstücke denn als Waffen, dem Herrn von Unruhstadt geschenkt hatte. In einer Beschwerde an den preußischen König Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, schrieb Karls Witwe, es seien während der Streitigkeiten um den polnischen Thron 1735 irreguläre Truppen in Karge eingefallen, hätten das Palais und die daneben liegenden Kasernen niedergebrannt. Damals seien dann auch die Kanonen mitgenommen und jenseits der polnischen Staatsgrenze vergraben worden, die Frau v. Unruh nun als Eigentum zurückforderte. Ob sie mit ihrem Anspruch Erfolg hatte, ließ sich nicht ermitteln.

Bekannt ist, daß die Witwe von Karl v. Unruh 1741 Chwalim an Egidius Zuromski verpfändet hat.

Wie bereits erwähnt wurde, hatte Karls Sohn, Alexander v. Unruh (1726 – 1806), die Herrschaft Karge vom Vater geerbt und wurde vom polnischen König für die Treue des Vaters mit dem Amt des Generalmünzdirektors von Polen belohnt. Er war Vize-präsident des Kriegsrats und Starost von Chodziesen/ Kolmar i. P. (Chodzież) und Hammerstein (Czarne bei Człuchów).

Im Jahre 1794 erhält Alexander v. Unruh für nur 21.150 Reichstaler vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. Die Güter Woynowo, Chwalim, Alt und Neu Kramzig im Kreis Bomst, die ihm 4.000 Taler Pacht einbringen.

Die heute lebenden Unruhs und Unrugs stammen entweder von dem 4. Birnbaumer Erbherrn Boguslaus (1661 – 1725) oder von dem 1668 verstorbenen Bauchwitzer Alexander von Unruh (1628 – 1668) ab.

Wirtschaftlich ging es der Herrschaft Karge im Verlauf des 18. Jhs weiterhin schlecht. Ebensowenig konnte die Herrschaft Birnbaum (Międzychód) im Familienbesitz erhal-ten werden und mußte 1790 an den Stiefvater Karl von Mielęcki verkauft werden, der es jedoch ebenfalls nicht mehr lange halten konnte, sondern dem preußischen Fiskus verkaufen mußte.

Mit der Zeit gingen auch die anderen um Birnbaum gelegenen Familiengüter in andere Hände über.

Nur Klein Münche (Mnichy Małe mit Tuczępy als Hauptgut) sowie Ulejno im Kreis Schroda (pow. Środa) blieben bis 1945 in Unruh’schem Besitz.

Unter den Landwirten der Provinz Posen nahm der vorletzte Besitzer von Klein Münche, der 1917 verstorbene Hugo v. Unruh, Mitglied des Preußischen Herrenhauses, eine hervorragende Stellung ein, weshalb man ihn zum Vorsitzenden der Posener Landwirtschaftkammer wählte. Der letzte Erbe von Klein Münche, Peter-Christoph v. Unruh, fiel 1941 in Rußland.

Im Jahre 1793 erfolgte die 2. Teilung Polens. Die Herrschaft derer v. Unruh, mit allen anderen Gütern, einschließlich Unruhstadt, die bisher im Königreich Polen lagen, ge-hörten von nun an zu der neu geschaffenen preußischen Provinz Südpreußen (1793 – 1806).

1806 marschierte der französische Kaiser Napoléon I., zusammen mit einer aus 40.000 Mann bestehenden Streitmacht der Polnischen Legionen, in dieses von Preußen besetzte polnische Gebiet ein und gründete im gleichen Jahr aus den bestehenden preußischen Provinzen Südpreußen und Neuostpreußen das Herzogtum Warschau (1806 – 1813/15).

Unruhstadt lag somit innerhalb des Herzogtums Warschau, also wieder in einem pol-nischen Staat und war gleichzeitig – erneut – ein Grenzort mit einem eigenen Grenzpostamt zu Preußen hin.

Am 13.11.1807 reiste der sächsische König Friedrich August I. von Sachsen (1750 – 1827, 1763 als Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen, 1806 König von Napoleons Gnaden) nach Warschau. Dabei hat er sich in Unruhstadt, der ersten pol-nischen Stadt, die er betreten hat, huldigen lassen. Zu seinen Ehren wurde er als erstes Staatsoberhaupt auf polnischem Boden mit dem berühmten Lied der Polnischen Legionen, der „Mazurek Dąbrowski“ auf das herzlichste begrüßt. Darauf ist man noch heute in Kargowa ganz besonders stolz. Dazu hat man dem Königspaar in Karge mehrere Ehrenpforten gebaut. Er übernachtete mit der Königin Maria Amalia Augusta von der Pfalz-Zweibrücken in Karge. Da das Gefolge sehr umfangreich war, haben viele im Rathaus und in umliegenden Häusern in Unruhstadt übernachten müssen. In Warschau angekommen, wurde ihm als Herzog des Herzogtum Warschau vom polnischen Adel gehuldigt.

Das Herzogtum Warschau bestand de jure nur bis 1815, faktisch seit der Besetzung durch die Russen (1813) nicht mehr. Nach dem Wiener Kongreß wurde das Herzog-tum Warschau erneut Preußen und Rußland einverleibt. Den größeren Teil be-anspruchten die Russen. Bis 1806 reichte die preußische Provinz Südpreußen bis

 

hinter Warschau und bis kurz vor Krakau, nun nur noch bis zur Prosna. So blieb es bis zum Ende des 2. Weltkrieges im Jahre 1945.

Die Stadt Unruhstadt erlebte unter preußischer und napoleonischer Herrschaft dagegen ihre Blütezeit. Die Lebensverhältnisse hatten sich nach den Teilungen Polens geändert, und wirtschaftliche Reformen veränderten das Land grundlegend. Wer so weiter wirtschaftete wie bisher, ging unter. Die einst vorbildlichen und wirtschaftlich auf der Höhe der Zeit befindlichen v. Unruh´s waren im 19. Jahrhundert ins Hintertreffen geraten. Vielfach hielten sie sich nicht mehr in Karge auf und lebten über ihre Verhältnisse.

Der letzte Erbherr, Moritz v. Unruh (9.12.1770 – 15.1.1836 in Dresden, 1802 Erhebung in den Grafenstand), war so hoch verschuldet, daß der preußische Staat sich bereits 1828 gezwungen sah, die Kontrolle über die Güter zu übernehmen.

Nach Moritz v. Unruh Tod kam es 1839 zur Zwangsversteigerung (Subhastation). Seine beiden Söhne waren nicht in der Lage, die Erbherrschaft zu übernehmen. Graf Severin Oswald v. Unruh (9.1.1809 – 6.1.1874 Schloß Eller bei Düsseldorf) war beim 2. Garde Ulanen Regiment in Berlin, der andere, Moritz Wilhelm v. Unruh (18.1.1804 – 1.5.1842 Karlsruhe), bei der Königlichen Regierung in Posen beschäftigt, und Moritz Wilhelm selber hatte zuletzt am sächsischen Hof in Dresden gelebt. Die Nachfahren des Moritz Wilhelm lebten in Preußen, der Enkel Graf Ludwig v. Unruh (Münster 1833 – 1902) war Landrat in Weißenfels in Sachsen-Anhalt.

Die Herrschaft Karge wurde Eigentum des preußischen Fiskus, der sie 1850 an den Königlich Preußischen Ökonomierat August Rothe aus Reisen (Rydzina, bei Lissa/ Leszno) verkaufte.

Die Familie v. Unruh starb im Kreis Bomst jedoch nicht aus, denn 1797 erwarb Anselm Rudolf v. Unruh, Landrat in Züllichau (Sulechów), aus dem Neumärker Zweig der Familie, die ehemalige Starostei Bomst (Babimost). Sein Enkel, Hans Wilhelm v. Unruh (1825 – 1894) auf Lang Heinersdorf (Kreis Züllichau, polnisch Łęgowo), war 40 Jahre lang Landrat des Kreises Bomst.

Ein weiterer Zweig der Unruhs, die Nachkommen des 1689 verstorbenen Birnbaumer Christoph, Alexander v. Unruh (1628 – 1668), hatten in Bauchwitz (Bukówiec Międzyrzecki) ihre Gutsherrschaft. Er begründete die Bauchwitzer Linie der Unruhs, die hauptsächlich in der sächsischen Armee dienten.

Sein späterer Nachkomme, Heinrich Kajetan v. Unruh, wurde 1849 katholisch und Stammvater der sich zum Polentum bekennenden UNRUG, mit einem „G“ am Ende geschrieben, da man ein „H“ am Ende im Polnischen nicht sprechen kann. Zwei seiner Söhne fielen bei den Aufständen für Polen: Ludwig im April 1848 („Völkerfrühling“) bei Miloslaw (Kreis Wreschen, pl. Miłosław) gegen Preußen und Kazimierz im Mai 1863 („Januar-Aufstand“) gegen Rußland.

Sein Enkel Józef Unrug (geb. Brandenburg 7. Oktober 1884 – gest. 1.März 1973 in Lailly-en-Val/ Frankreich) befehligte als polnischer Konteradmiral die Streitkräfte auf der Halbinsel Hela, die als letzte am 2. Oktober 1939 den Kampf gegen die Wehrmacht aufgaben. Als Hitler von den Fähigkeiten dieses „deutschen Adeligen“ auf polnischer Seite erfuhr, beauftragte er einen deutschen Hauptmann aus der Familie v.

Unruh, ihm ein Angebot zu machen. Die beiden Cousins begrüßten einander, wie es in der Familie üblich ist, doch nachdem das Angebot, in deutsche Dienste zu treten, übermittelt worden war, weigerte sich Józef Unrug, ein weiteres Wort auf deutsch zu sprechen und lehnte das Angebot ab.

Der Autor hatte das Glück, den Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel des Gründers von Unruhstadt persönlich kennen zu lernen. Herr Professor Dr. iur. habil. Georg-Christoph v. Unruh ist in direkter Linie der Nachkomme von Christoph v. Unruh, dem Gründer von Unruhstadt.

Prof. Georg-Christoph v. Unruh wurde am 28. September 1913 in Posen geboren, lebt heute (Sommer 2004) mit seiner Frau Erika-Elisabeth Kleine in Heikendorf-Kitzeberg bei Kiel. Zuletzt lehrte Herr v. Unruh als Ordinarius für öffentliches Recht an der Christian Albrecht – Universität Kiel.

Den zahlreichen Gesprächen des Autors mit Herrn v. Unruh sowie den sehr wichtigen schriftlichen Mitteilungen ist es wesentlich zu verdanken, daß dieses Buch ge-schrieben werden konnte.

In diesem Zusammenhang eine Begebenheit des Herrn v. Unruh, die beispielhaft auf-weist, wie liberal und tolerant schon seine Urahnen waren.

„ Der Leiter von Wilton-Park at Wiston House in Sussex, einer von der britischen Regierung eingerichteten „Politischen Begegnungsstätte“, Prof. Dr. Koeppler, Magdelen College, Oxford, fragte im Januar 1953 den Teilnehmer eines dortigen Kurses, den damaligen Kreissyndikus Dr. Georg-Christoph v. Unruh, ob er Be-ziehungen zu der Stadt Unruhstadt besitze. Dieser antwortete, ein direkter Vorfahr von ihm habe 1655 die Stadt zum Schutz von verfolgten Protestanten gegründet, worauf der englische Prof. Koeppler ergänzte „und für Juden“. Mit seinen Worten „ Der Name Ihrer Familie hat in der Judenschaft einen guten Klang“, schloß das Gespräch.

Seit über 100 Jahren besteht ein Familienverband, der alle politischen Schwierigkeiten überdauert hat. Die Nachkommen der Familien Unruh und Unrug treffen sich nach wie vor zu regelmäßigen Familientagen – abwechselnd in Polen und in Deutschland. Ein besonderes Treffen der v. Unrug fand am 26. Mai 2001 in Kraków (Krakau) statt, ein letztes im September 2004 in Międzychód (Birnbaum).

Bei den v. Unruh handelt es sich um eine „Grenzfamilie“ im weiteren Sinne: konfessionell und national und sogar weltanschaulich getrennt wirkend. Namensträger haben im protestantischen Lager zu ihrem Glauben gestanden wie ihre Vettern ihrem katholischen Bekenntnis die Treue hielten, obwohl es zeitweise schwierig war. Die v. Unruh und Unrug kämpften für und gegen preußische Könige, nahmen an den Frei-heitskämpfen der Deutschen gegen Frankreich 1813/15 teil, wie die Unrugs gegen Preußen und Rußland 1830 („November Aufstand“) und 1848 („Völker-Frühling“) „pro patria polonia“ teilnahmen. Gehörte Hans-Viktor v. Unruh, ein Namensvetter 1848 als Präsident der Preußischen Nationalversammlung und somit der Reformpartei führend an, so vertraten andere v. Unruhs, darunter preußische Generäle, die konser-vative Richtung.

Es kommt nicht von ungefähr, daß das heutige Wappen der Stadt Kargowa einen polnischen Adler zeigt, der im Herrenschild das Unruh´sche Wappen führt.

Stefan Petriuk

e-mail: Petriuk@t-online.de

wyciąg z książki "Unrugowa i Kargowa"